Full text: K159-M058-A031

Neues Wiener Tagblatt 27. April 1941 
Gedenkblatt für eine Unvergessene 
Zum hundertsten Geburtstag Pauline Luccas / Von Karl Daumer 
Sie kam von unten herauf, die Lucca, aus dem 
Chor, wie Alexander Girardi. Einmal flügge ge 
worden, machte sie eine märchenhafte Karriere, 
ward auf Lebenszeit nach Berlin engagiert, „brach 
den Schwur“ und begann einen Triumphzug über ausländische 
Bühnen. 1874 aber wandte sie sich nach ihrer Vaterstadt Wien 
und gehörte durch volle fünfzehn Jahre, bis 1889, dem 
Ensemble der damaligen Hofoper an, und jeder ihrer Abende 
war eine Sensation. 
Sie verstand es wie wenige andre, alte Formen mit neuem 
ben zu erfüllen: Ihre beklemmend schillernde Carmen (mit 
Fritz Schröder als Don José) war ein Ereignis, ihre Zerline 
n „Fra Diabolo", aber auch die Mozartsche waren ent 
ückende Gestalten, mit einem feinen Hauch von Selbstironie 
urpersönlich überglänzt. Manchmal stützte man, wenn sie die 
Szene betrat, etwa als Margarete: Diese unbeträchtliche, 
schwarzhaarige Erscheinung im himmelblauen Kostüm, stimm 
lich bei der ersten Begegnung mit Faust gar nicht bezaubernd, 
soll ein deutsches Gretchen sein? Aber von Akt zu Akt wuch 
der Eindruck, um im letzten grandiose Wirkungen zu erreichen. 
Nachdem sie sich einmal hier eingelebt hatte, gehörte sie bald 
zu den populärsten Figuren im Wiener Theaterbereich. Alte 
Konzertgänger erinnern sich noch heute, wie sie bei einem 
Besuch Kaiser Wilhelms I. im großen Musikvereinssaal 
Lieder vortrug, darunter Mozarts „Veilchen“. Der Monarch 
hatte für sie, trotz ihrer Berliner Fahnenflucht, stets lebhaftes 
Interesse gezeigt. Sie heiratete hier Baron von Rhoden, löste 
ber auch diese Verbindung nach zweijähriger Dauer und 
wurde die Gattin des Herrn von Wallnofen, mit dem sie ein 
Palais in der Jacquingasse bewohnte. Auch nach ihrem recht 
zeitigen Abgang von der Hofoper, deren Ehrenmitglied sie 
wurde, blieb ihre leidenschaftliche Neigung fürs Theater un 
angefochten, und heute noch besteht in ihrer Villa „Fernblick 
am Gmundner See, die später auf eine Fürstin Wreede 
überging, der Saal mit der eingebauten Bühne, auf der sie 
mit ihren Schülerinnen Privatvorstellungen veranstaltete, 
unterstützt von ihrem getreuen Assistenten Philipp Forsten, der 
auch zu den markanten Wiener Kunstgestalten zählte. Der 
elegante, liebenswürdige Schwede mit dem lyrischen Vollbart, 
ein überaus geschmackvoller Liedersänger mit geschmeidigen 
Bariton, war ein richtiger Troubadour, Herzensbrecher, er 
klärter Liebling der Frauen. In späteren Jahren hat er, als 
geschätzter Lehrer unsrer Musikakademie, zahlreiche Gesang 
adepten für Bühne und Konzertsaal vorbereitet. 
Nicht ganz in freundlichem Sinne wurde die Lucca mit 
Bismarck in Zusammenhang gebracht. Ein Photo, das sie ge 
meinsam mit dem Kanzler zeigte, gab zu solchen Mißdeutungen 
Anlaß, daß Bismarck es konfiszieren ließ. 
Als vor nahezu zwei Jahrzehnten im Konzerthaus 
einmal in engstem Fachkreise frühe Sängerplatten vor 
geführt wurden, da vernahm man auch die Stimme einer 
Frau, deren Name, wohl unbeabsichtigt, nicht genannt wurde. 
Aber wir sahen, wie Forsten, dem damals schon recht alten 
Herrn, die Tränen ungehemmt über die Wangen strömten, 
als er diese Klänge vernahm. Niemand fragte. Wir wußten, 
daß es die Lucca war, die da sang — die Frau, der die 
enthusiastische Verehrung seines Lebens galt.
	        
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